Langdistanz-EM in Almere – wenn die Vorbereitung zur Herausforderung wird

11:35:40 Stunden, Platz 10 bei der Europameisterschaft in meiner Altersklasse und meine zweite Langdistanz im Ziel.
Wenn mir das jemand einige Monate vorher so angeboten hätte, hätte ich wahrscheinlich sofort unterschrieben.
Denn meine Vorbereitung auf die Triathlon-Langdistanz-Europameisterschaft 2026 in Almere-Amsterdam war alles andere als optimal. Zehenbruch, Probleme mit der Hüfte, Schwierigkeiten mit der Wade und als negativer Höhepunkt das DNF beim Schlosstriathlon in Moritzburg. Dazu kam noch ein zweites sportliches Ziel, welches nicht unbedingt perfekt zu einer Langdistanzvorbereitung passt.
Aber der Reihe nach.
Zwei sportliche Ziele, die eigentlich nicht zusammenpassen
Die Nominierung für die Deutsche Altersklassen-Nationalmannschaft und damit die Möglichkeit, bei der Europameisterschaft über die Langdistanz zu starten, war natürlich etwas Besonderes für mich.
Nur verlief der Weg nach Almere nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.
Immer wieder musste ich mein Training aufgrund kleinerer und größerer Verletzungen anpassen. Am Ende hatte ich gegenüber meiner Vorbereitung auf meine erste Langdistanz 2024 rund 30 Prozent weniger Laufkilometer absolviert.
Und dann gab es ja noch das Schwimmen.
Mitte Juli standen für mich die Deutschen Mastersmeisterschaften in Gera an. Dafür habe ich meine eigentliche Triathlonvorbereitung für ungefähr drei Wochen unterbrochen und den Schwerpunkt deutlich in Richtung Schwimmen verschoben.
Das Problem dabei: Langes und eher langsames Training für eine Langdistanz und Sprinttraining fürs Rückenschwimmen sind nicht unbedingt die besten Freunde.
Ich hatte deshalb über Wochen ein merkwürdiges Gefühl. Beim Schwimmen dachte ich, dass ich eigentlich zu wenig fürs Schwimmen mache. Beim Triathlontraining hatte ich gleichzeitig das Gefühl, zu wenig für die Langdistanz zu trainieren.
Irgendwie fehlte immer etwas.
180 Kilometer Radfahren – ohne vorher eine lange Ausfahrt mit dem Triathlonrad
Auch mein Radtraining unterschied sich deutlich von meiner Vorbereitung vor zwei Jahren.
Ich absolvierte fast alles auf der Rolle.
Der Grund war ganz einfach: Die Angst vor Stürzen und vor allem der Stress im Straßenverkehr waren mir inzwischen einfach zu groß. Natürlich hat Indoor-Training auch Vorteile. Ich konnte meine Einheiten sehr strukturiert fahren, Wattbereiche genau einhalten und wurde weder durch Verkehr noch durch Ampeln gestört.
Trotzdem blieb da ein Punkt, der vor einer Langdistanz zumindest etwas ungewöhnlich ist:
Ich hatte mein Triathlonrad vor Almere kein einziges Mal auf einer wirklich langen Ausfahrt getestet.
Nicht unbedingt das, was in jedem Trainingslehrbuch stehen würde.
Mein Ziel für Almere wurde deshalb mit jedem Monat einfacher: gesund und verletzungsfrei ins Ziel kommen.
Alles andere wäre Zugabe.
Almere – eine Stadt im Triathlonmodus
Am Mittwoch ging es in die Niederlande. Almere liegt vor den Toren Amsterdams und man merkt in diesen Tagen schnell, dass sich dort vieles um den Triathlon dreht.
Donnerstag stand der erste Streckentest an. Ich schwamm die knapp zwei Kilometer lange Runde einmal komplett.
18 Grad Wassertemperatur, etwas trübes Wasser und vor mir die Skyline von Almere.
Und plötzlich war dieses richtig gute Gefühl da.
Das Schwimmen machte Spaß und zum ersten Mal dachte ich: Jetzt kann es eigentlich losgehen.
Freitagmorgen folgte nur noch eine kurze Aktivierung beim Laufen und ich testete einen Teil der Laufstrecke, anschließend wurde das Rad eingecheckt.
Viel war nun sowieso nicht mehr zu ändern.
4:30 Uhr – jetzt wird es ernst
Am Renntag klingelte um 4:30 Uhr der Wecker.
Gemeinsam mit einem sehr sympathischen Sportler und seiner Frau, die wir beim Probeschwimmen kennengelernt hatten, ging es zum Start.
Natürlich kam die Aufregung.
Trotzdem fühlte es sich anders an als bei meiner ersten Langdistanz vor zwei Jahren. Ich war deutlich ruhiger. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mir aufgrund der schwierigen Vorbereitung einen sehr klaren Plan zurechtgelegt hatte.
Ich wollte mich den gesamten Tag nicht mit irgendwelchen Platzierungen oder Zeiten (ausser beim Schwimmen:-) ) verrückt machen.
Der erste Punkt meines Plans lautete:
Moderat schwimmen und möglichst unter einer Stunde aus dem Wasser kommen.
59:18 Minuten – und plötzlich Erster
Das Schwimmen lief fast perfekt. Nach dem Massenstart der EM-Teilnehmer
fand ich schnell meinen Rhythmus, schwamm kontrolliert am Anfang einer Gruppe und kam nach 59:18 Minuten aus dem Wasser.
Damit lag ich tatsächlich auf Platz 1 meiner Altersklasse und auf Platz 7 im gesamten EM-Feld der Agegrouper.
Schwimmen kann ich also scheinbar doch noch.
Der erste Wechsel verlief trotzdem ruhig und ohne Hektik. Eine Langdistanz wird schließlich nicht in der Wechselzone nach dem Schwimmen entschieden.
Und nun kam der Teil, vor dem ich deutlich mehr Respekt hatte.
180 Kilometer Radfahren.
Keine Geschwindigkeit – nur Watt
Für das Radfahren hatte ich mir ebenfalls eine ganz klare Vorgabe gemacht.
Egal wie der Wind steht, egal wie schnell oder langsam ich dadurch bin: Ich fahre meine vorher festgelegte Wattzahl.
Am Deich hatten wir zunächst moderaten Rückenwind. Später wurde der Gegen- und Seitenwind deutlich stärker. Eigentlich war der Wind während der gesamten 180 Kilometer irgendwie präsent.
Also wandte ich einen kleinen Trick an.
Ich stellte meinen Fahrradcomputer so ein, dass ich meine Geschwindigkeit nicht mehr sehen konnte.
Mich interessierten nur noch Watt, Herzfrequenz und Trittfrequenz.
Denn was bringt es mir, ständig zu sehen, wie langsam ich gerade bei Gegenwind unterwegs bin? Außer schlechter Laune eigentlich nichts.
Das funktionierte hervorragend.
Ein ganz anderes Problem hatte ich allerdings schon ziemlich früh auf der Radstrecke.
Eine Flasche weg und der Flaschenhalter gleich mit
Bereits bei Kilometer 9 verlor ich die erste meiner beiden Kohlenhydratflaschen. Kurze Zeit später brach auch noch der hintere Flaschenhalter.
Damit hatte ich für die restlichen 171 Kilometer nur noch einen Flaschenhalter zur Verfügung.
Das war nicht unbedingt Bestandteil meines Wettkampfplanes.
Jetzt zahlte sich allerdings etwas aus, was ich im Training bewusst gemacht hatte. Ich hatte auch die vom Veranstalter angebotene Verpflegung vorher getestet und wusste, dass ich sie vertrage.
Also änderte ich meinen Plan.
Ich fuhr an jede Verpflegungsstation heran, hielt kurz an und nahm mir in Ruhe Gels und Iso.
Natürlich kostete das Zeit.
Aber was sind ein paar Minuten gegenüber dem Risiko, auf einer Langdistanz irgendwann ohne ausreichend Kohlenhydrate dazustehen?
Meine regelmäßige Energiezufuhr war mir wichtiger als irgendeine Durchschnittsgeschwindigkeit.
Nach 6:03 Stunden kam ich zurück in die Wechselzone.
Genau so, wie ich es mir vorgenommen hatte: kontrolliert und mit möglichst viel gesparter Energie.
Nur meine Schultern meldeten sich inzwischen deutlich. Die Aeroposition bei ständig wechselndem Wind war anstrengender gewesen als gedacht.
Jetzt „nur“ noch Marathon
Beim zweiten Wechsel sah ich nach vielen Stunden endlich meine Ulli wieder.
Und nun begann der Teil, bei dem ich aufgrund meiner Vorbereitung die größten Fragezeichen hatte.
42,195 Kilometer Laufen mit deutlich weniger Lauftraining als 2024 und einem längsten Trainingslauf von gerade einmal 26 Kilometern.
Auch dafür hatte ich einen Plan.
Ich wollte mich vor allem auf meine Lauftechnik konzentrieren. Die Schrittfrequenz sollte möglichst bei mindestens 165 bleiben. Für das hatte ich mir einen Alarm auf der Uhr eingestellt. Dazu immer wieder aufrichten.
Mein virtuelles Bild dabei: Jemand zieht meinen Kopf an einem Faden nach oben.
Damit war ich während des Laufens ständig beschäftigt und dachte weniger darüber nach, wie viele Kilometer noch vor mir lagen.
Zusätzlich hatte ich mir vorgenommen, von Beginn an kurze Gehpausen an den sechs Verpflegungsstellen jeder 10,5-Kilometer-Runde einzulegen.
Nicht erst dann gehen, wenn nichts mehr geht.
Sondern von Anfang an bewusst gehen, essen, trinken – und danach wieder anlaufen.
So teilte ich meinen Marathon gedanklich nicht in 42 Kilometer, sondern in 24 kleine Abschnitte.
Das funktionierte wirklich gut.
Bei Kilometer 28 beginnt die Rechnerei
Bis ungefähr Kilometer 28 lief ich meine Kilometer fast immer knapp unter sechs Minuten.
Und natürlich begann irgendwann die Rechnerei im Kopf.
Könnte es vielleicht sogar mit einer Gesamtzeit unter 11:30 Stunden klappen?
Genau zu diesem Zeitpunkt wurde es allerdings langsam zäh.
Vor allem muskulär.
Irgendwo musste sich schließlich bemerkbar machen, dass mein längster Lauf in der Vorbereitung nur 26 Kilometer lang gewesen war. Auch meine Herzfrequenz sank etwas.
Also wieder zurück zum ursprünglichen Plan.
Nicht irgendeiner Zeit hinterherlaufen.
Sauber bleiben. Aufrichten. Schrittfrequenz. Verpflegen. Weiterlaufen.
Das Nationaltrikot macht einen Unterschied
In die letzte Runde ging ich nicht mehr ganz so locker wie in die ersten drei.
Aber jetzt kam etwas hinzu, was ich vorher in dieser Form noch nicht erlebt hatte.
Die Unterstützung an der Strecke – besonders von den vielen deutschen Zuschauern.
Das Nationaltrikot machte tatsächlich einen Unterschied.
Immer wieder wurde ich von Landsleuten angefeuert. Dazu kam das gegenseitige Aufmuntern und Abklatschen mit den anderen deutschen Startern auf der Strecke.
Wir waren zwar alle für unseren eigenen Wettkampf unterwegs, aber trotzdem irgendwie gemeinsam.
Das hat richtig motiviert.
Und irgendwann war klar:
Jetzt passiert nichts mehr. Jetzt bringe ich das Ding nach Hause.
Die letzten 500 Meter
Dann kam der Zielbereich.
Ich sah meine Ulli warten und konnte die letzten ungefähr 500 Meter einfach nur noch genießen.
Menschen rechts und links, der Zielkorridor vor mir und dieses Wissen, dass hinter mir ein ziemlich langer Tag und eigentlich ein noch viel längeres und kompliziertes Trainingsjahr lag.
Arme hoch.
Zieleinlauf. 11:35:40 Stunden.
Platz 10 bei der Europameisterschaft in meiner Altersklasse 55.
Und meine zweite Langdistanz war geschafft.
Zwölf Minuten schneller als bei meinem Langdistanzdebüt vor zwei Jahren.
Nach dieser Vorbereitung hatte ich damit wirklich nicht gerechnet.
Und dann erst einmal ein Bier
Im Zielbereich habe ich das Ganze gemeinsam mit meiner Ulli gefeiert.
Und irgendwann gab es auch mein erstes richtiges Bier seit Wochen.
Das musste sein.
In diesem Moment war da eigentlich nur Glück. Denn eine Langdistanz besteht eben nicht nur aus diesen 11 Stunden und 35 Minuten am Wettkampftag.
Da sind die vielen Monate vorher. Training, Müdigkeit, Planung, Verzicht und in diesem Jahr eben auch immer wieder Rückschläge und Zweifel.
Vielleicht war genau deshalb dieser Zieleinlauf für mich so besonders.
Interessanterweise war ich körperlich weniger erschöpft als nach meiner ersten Langdistanz vor zwei Jahren. Selbst der Muskelkater am nächsten Tag hielt sich erstaunlich in Grenzen.
Also ging es zum Auslaufen der etwas anderen Art nach Amsterdam.
Einfach durch die Stadt spazieren.
Nach zwei weiteren wunderschönen Tagen an der niederländischen Nordseeküste bin ich inzwischen wieder zu Hause.
Was bleibt von Almere?
Natürlich bleiben Platz 10 bei einer Europameisterschaft, 11:35:40 Stunden und eine neue persönliche Bestzeit über die Langdistanz.
Für mich bleibt aber noch etwas anderes.
Eine Vorbereitung muss nicht perfekt sein, damit am Ende ein guter Wettkampf herauskommt.
Man muss allerdings bereit sein, seine Ziele der Realität anzupassen.
Ich konnte 2026 nicht so laufen, wie ich es ursprünglich wollte. Ich habe einen großen Teil meines Radtrainings auf der Rolle absolviert. Zwischendurch habe ich für drei Wochen den Fokus komplett auf die Deutschen Mastersmeisterschaften im Schwimmen gelegt.
Und trotzdem stand ich am Ende gesund im Ziel einer Langdistanz-Europameisterschaft.
Auch diese Erfahrungen werde ich wieder in meine Arbeit als Trainer mitnehmen. Denn Trainingspläne auf dem Papier sind das eine.
Das wirkliche Leben ist meistens etwas anderes.
Und jetzt?
Ende November warten in Berlin die Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften im Schwimmen.
Bis dahin gibt es aber erst einmal ein paar Tage Sport nach Lust und Laune.
Ohne Plan.
Das muss schließlich auch mal sein.
Euer Coach Dirk „Pushman“ Püschmann

